"da war ich Angst vor Herzlichkeit"

Vom Terror der Beziehungen erzählt Rainald Goetz in "Baracke". Im deutschen Bürgertum und an seinen Rändern.

"Baracke" von Rainald Goetz, uraufgeführt von Claudia Bossard am Deutschen Theater Berlin © Thomas Aurin

Rainald Goetz, geboren 1954 in München, hat sich als Schriftsteller mit Romanen, Blogs, Theaterstücken und Lyik zwischen Punk und DJ-Kultur einen Namen gemacht. Er ist Büchner-Preisträger (2015). Den Mülheimer Dramatikpreis gewann er drei Mal: mit "Krieg" (1988), "Katarakt" (1993) und "Jeff Koons" (2000). Nach langen Jahren der Theaterabstinenz ist Goetz mit "Reich des Todes" 2021 ans Theater zurückgekehrt. Sein neuestes Stück "Baracke" kam zum Start der Intendanz von Iris Laufenberg am Deutschen Theater Berlin heraus.

Steckbrief zum Stück

Worum geht es?

Rainald Goetz erzählt die alte Geschichte Boy meets Girl, allerdings mit Fokus auf familiäre Macht- und Gewaltverhältnisse. Auf einer Party kommen sich eine Frau und ein Mann näher. Sie verlieben sich, kommen zusammen, heiraten später und bekommen Kinder. Der Ehemann und Vater erweist sich bald darauf als Schläger, der sich mit seiner körperlichen Überlegenheit zu behaupten versucht. Wogegen? Gegen die Enge und den Zwang, die Familien dem Stück zufolge stets strukturieren und unter denen alle Beteiligten leiden. Vor Nachwuchs wird eindringlich gewarnt, sei man doch gegen den "diktatorischen Terror der Kinder" machtlos. Zu diesem in losen Szenen entfalteten Thema stößt immer wieder der ganz reale politische Terror. Der sogenannte NSU tritt auf, die Selbstenttarnung der Gruppe wird geschildert, ein "Uwe" und eine "Bea" geraten in Beziehungsstreit.

Worum geht es wirklich?

Man spricht gerne von flächigen Texten, wenn sie sich tradierten Dramaturgien entziehen. Goetz' Stück ist flächig in einem anderen, in einem geometrischen Sinne. An einer Stelle heißt es in "Baracke": "ich sehe Parallelen, die sich im Unendlichen schneiden, nicht richtig zusammenkommen, in der Ferne waren Bilder luftig hingetupft". Man darf das als poetologisches Programm verstehen. Verschiedene Stränge laufen in diesem Stück nebeneinander her. Vor allem die Themen NSU und Familienleben wollen lange nicht so recht zusammenkommen, bis man sie doch entdeckt, die Punkte, an denen sich die Parallelen treffen. Es ist die Gewalt, die sie verbindet. Goetz will nachzeichnen, wie diese vom Intimen ins Gesellschaftliche und Politische überspringt. So wird die Paarbeziehung und erst recht die Familie als Ort der Aggression dargestellt, als Raum, in dem Individuen niemals genug Platz für sich selbst finden und deshalb aufeinander losgehen. Die häusliche Gewalt ist in diesem sehr pessimistisch eingerichteten Setting programmiert und greift im schlechteren Falle auf die Gesellschaft über. Die Familie, das ist bei Goetz ein Terrorcamp.

Wie klingt das Stück?

Eklektisch. Goetz setzt gewitzte und theoriesatte Dialoge, die an René Pollesch erinnern, neben realistische Szenen, in denen die Figuren ganz ernsthaft ihre Lebensentscheidungen verhandeln. Hinzu kommen Prosa-Passagen über eine von Schlägen und Missachtung geprägte Kindheit und erdige, nach Rammstein klingende Verse: "da war ich Angst vor Herzlichkeit / und Lachen vor Freude und Lust / war will nicht kann nicht laß mich / war keiner weiß wie mir geschah".

Wohin von hier aus?

Es könnte interessant sein, Goetz' Stück neben Michael Hanekes Film "Das weiße Band" zu legen. Haneke spürt darin mit seiner gewohnt strengen, unerbittlichen Ästhetik den Nationalsozialismus avant la lettre in der Enge einer Dorfgemeinschaft auf. So unterschiedlich die Temperamente der Werke sind, machen sich doch beide auf die Suche nach dem Ursprung der Gewalt im Zusammenleben.

(Michael Wolf)

Rainald Goetz © Max Zerrahn

7 Fragen an den Autor

Was steht bei Ihnen ganz am Anfang der Arbeit an einem Stück?

Thema und Titel.

Was sollten Stücke können?

Komplexe, leicht abseitige Gegenstände dramatisch packen.

Worüber könnten Sie niemals schreiben?

Das weiß ich nicht.

Was ist Ihre liebste Behauptung über das Theater?

Es lebt.

Welche Aussage sollte man nicht mit Ihrem Werk in Verbindung bringen?

Diese negativen Fragen kann ich nicht beantworten.

Welcher Klassiker imponiert Ihnen? Und warum?

Botho Strauß; er hat einfach immer wieder tolle neue Stücke geschrieben.

An welchem Ort, abgesehen von Bühnen, würden Sie Ihre Stücke gerne einmal aufgeführt sehen?

An keinem; die Bühne ist für Stücke das Größte und nie ausgeschöpft.

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