Alkohol gefriert bei minus 114 Grad

Idas Mutter ist alleinerziehend, arbeitslos und alkoholkrank. Ihren Alltag meistert Ida mithilfe eines imaginären Freunds: Polarforscher Robert Falcon Scott. Doch an manchen Tagen weiß auch der berühmte Abenteurer nicht weiter.

"südpol.windstill", uraufgeführt in der Regie von Yvonne Kespohl am Jungen Theater Heidelberg © Susanne Reichardt

Armela Madreiter, Jahrgang 1992, war als freie Dramaturgin, Co-Regisseurin und Autorin in Wien tätig, unter anderem für die Theaterkollektive wohingenau und Hira*. Seit 2018 arbeitet Madreiter vermehrt als Dramaturgin, etwa für die Sparte jung&jede*r im Rahmen der Salzburger Festspiele. Sie schreibt Texte für junges und erwachsenes Publikum.

Steckbrief zum Stück

Worum geht es?

Die Grundschülerin Ida wohnt allein mit ihrer Mutter, die arbeitslos und alkoholsüchtig ist. Um mit ihrer schwierigen Situation umzugehen, hat Ida einen Freund erfunden, der ihr an komplizierten Tagen beisteht. Es handelt sich um niemand Geringeren als den Polarforscher Robert Falcon Scott. Gemeinsam protokollieren sie akribisch die Zustände in der Wohnung. An "Nordpoltagen" verbringt die Mutter den Tag im Bett und missachtet Ida. An "Südpoltagen" hat sie gute Laune, und es scheint bergauf zu gehen im Leben der beiden. Leider sind diese Tage sehr viel seltener, und das Duo muss oft unter schwierigen Bedingungen forschen. Doch eines Tages freundet sich Ida mit dem Nachbarsjungen Amre an, der Astronom werden will. Auf einmal ist Ida nicht mehr allein.

Worum geht es wirklich?

Das Stück beschreibt zunächst soziale Notlagen, an denen viele Kinder besonders leiden: Idas Mutter ist arbeitslos und alkoholkrank und daher "armutsbetroffen". Aus der Sucht der Mutter resultiert außerdem ihre Unfähigkeit, Ida stabile Verhältnisse zu garantieren und sich ihr ihrem Alter entsprechend zu widmen. Eine besondere Belastung stellt die Unsicherheit dar, mit welcher Mutter, der "Südpolmutter" oder der "Nordpolmutter", Ida es zu tun haben wird, wenn sie nach der Schule nach Hause kommt. Hier kommt das zweite Thema hinzu. Um die Situation zu ertragen und mit ihrer Einsamkeit umzugehen, hat Ida Scott herbeifantasiert. Es ist folgerichtig, dass die beiden sich schließlich trennen. Denn Ida hat mit Amre einen Freund aus Fleisch und Blut gefunden. Abstrahiert von den Themen soziale Not und imaginäre Freundschaften handelt das Stück also davon, dass und wie Freundschaft, menschliche Nähe und Solidarität über persönliche Krisen hinweghelfen können.

Wie klingt das Stück?

Ida richtet ihren Bericht über das Leben mit ihrer Mutter oft direkt ans Publikum. Die Mutter tritt selbst gar nicht auf, sondern wird, wenn das Zusammenleben mit ihr geschildert wird, von Scott gespielt. Sprechen die beiden von Forscherin zu Forscher miteinander, ist der Austausch knapp und eingespielt. Fragen nach dem Datum, der Uhrzeit, der Schneelage und der "Mutterlage" wiederholen sich wie ein Refrain. Mit den ersten Dialogen zwischen Amre und Ida kehrt eine Leichtigkeit in die Sprache ein, zusammen mit einer verständlichen Aufregung der beiden.

"AMRE: Entschuldige, ich rede so viel, oder? Wenn es zu viel wird, sag einfach Stopp -
IDA: Okay. Stopp.
AMRE: Oh. Oje. Echt?
IDA (lacht): Nein. Scherz.
AMRE Oh. Puh."

Wohin von hier aus?

Solidarisierung und Imagination als Wege raus aus der sozialen Benachteiligung? Dazu forscht Klassismus-Theoretiker*in Francis Seeck. Seecks Forschung ist letzthin im Theater wirkmächtig geworden und hat etwa Nora Abdel-Makscouds Komödie "Rabatt" inspiriert.

Andreas Steinhöfel hat mit seiner Kinderbuchreihe über Rico und Oskar sehr schön und klug über Freundschaft und soziale Notlagen geschrieben.

(Michael Wolf)

Madreiter QF Foto Marco BorrelliArmela Madreiter © Marco Borrelli

7 Fragen an die Autorin

Was steht bei Ihnen ganz am Anfang der Arbeit an einem Stück?

Natürlich eine Idee, die mich auch nach dem ersten Einfall und mehrmaligem darüber Schlafen nicht loslässt und aufs Papier will vielleicht.

Was sollten Stücke für junges Publikum können?

Es sollte mitreißend sein, den Kindern auf Augenhöhe begegnen und sie ernst nehmen.

Was hat in Kinderstücken nichts zu suchen?

Stereotype Darstellungsweisen, Rassismus, Homophobie, Klischees, Pathos ... – alles, was auch in "Erwachsenenstücken" nichts zu suchen hat.

Welche Aussage sollte man nicht mit Ihrem Werk in Verbindung bringen?

"Das war aber ein ernstes und humorloses Stück, obendrein noch sehr pathetisch und belehrend."

Was ist Ihre liebste Behauptung über das Theater?

Ich mag den Satz: "Es gibt ein Leben nach dem Theater". Ich finde es wichtig, nicht zu sehr in der Theaterwelt zu versinken, sondern immer wieder auch rauszugehen.

Wer war der Held oder die Heldin Ihrer Kindheit?

Sehr viele verschiedene, je nachdem, welches Buch ich gerade gelesen habe. Die Figuren der Autorinnen Christine Nöstlinger und Astrid Lindgren haben mich aber am längsten begleitet. Und die Figur Robin Hood habe ich sehr bewundert.

Welche Figur aus der Literatur für Erwachsene würden Sie gerne einmal auf einer Kindertheaterbühne sehen?

Die Frage könnte man auch umgekehrt stellen, finde ich. Aber vielleicht die Figuren aus den Romanen von Chimamanda Ngozi Adichie, Édouard Louis oder Annie Ernaux …

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