Macht der Fantasie

In "Geschichten vom Aufstehen" skizziert Thomas Freyer mehrere Familienkonstellationen, Kinderfreundschaften und die ihnen innewohnenden Konfikte. Jan Gehler hat das am Theater Junge Generation Dresden im Playmobil-Look inszeniert.

Von Falk Lörcher

Thomas Freyers "Geschichten vom Aufstehen" © Marco Prill

13. Mai 2024. Für Kinder wie Rabea und Ben ist der Kinderspielplatz eine magische Welt, in der Realität und Fantasie verschwimmen. "Ja, weil, das waren so Spezialflammen, die auch von hinten blenden und von oben. Und dann. Dann sehen wir. Sehen wir plötzlich, dass der ganze Spielplatz plötzlich überflutet wird. Mit so blaugrünem Karibikwasser. Und dass alles plötzlich auf dem Meeresboden ist."

Mit "Geschichten vom Aufstehen" beginnt der Kinderstücke-Wettbewerb der Mülheimer Theatertage. Der Text von Thomas Freyer ist eine Auftragsarbeit für das Theater Junge Generation (tjg) Dresden. Der Autor war 2021 mit seinem Post-Ost-Portrait "Stummes Land" in der Uraufführungsinszenierung vom Staatsschauspiel Dresden für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert.

"Warum kriegst du alles, was du dir wünschst?"

Bei "Geschichten vom Aufstehen" stehen zehn Schauspieler*innen auf der Bühne, die 13 Figuren verkörpern – aufgegliedert in drei Familienkonstellationen mit Eltern, Kindern und Großeltern. Das Stück ist eine Collage aus Alltagsszenen – zuhause beim Zähneputzen, vor oder im Altersheim oder auf dem Spielplatz, der in der Fantasie mal zur Pferdekoppel, mal zum karibischen Unterwassererlebnis wird.

Rabea (Mats Albrecht) und Danny (Simon Latzer) sind Zwillinge und gehen in die erste Klasse. Vater Johann (Gregor Wolf) ist Altenpfleger im örtlichen Pflegeheim und tagsüber meist damit beschäftigt, die demente Frau Mölke (Ulrike Sperberg) davon abzuhalten, irgendwelche Dummheiten anzustellen – oder zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben. Tim, der zweite Vater von Rabea und Danny, ist auf Jobsuche. Auch deshalb hat die Familie wenig Geld. Ganz im Gegensatz zu Frederik (Mirko Näger-Guckeisen). Er hat eine ältere Schwester mit Behinderung, seine Eltern sind sehr beschäftigt, dafür hat er hat jede Menge Spielzeug: "Warum kriegst du alles, was du dir wünschst?", fragt Danny Frederik an einer Stelle. Frederiks Vater Mario (Paul Oldenburg) steht meist in der Küche und beschwert sich in gestelztem Bonzendeutsch über seine wirklich sehr üblen Kochkünste. Gudrun und Bernd (Bettina Sörgel, Babette Kuschel) betreuen ihren Enkelsohn Ben (Florian Thongsap Welsch), dessen Vater in einer anderen Stadt wohnt. Seine Mutter Steffi (Adrienne Lejko) ist oft gestresst und befürchtet, den Zugang zu ihrem Kind zu verlieren.

Thomas Freyer Aufstehen2 Foto Marco PrillOb ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht: Das Dresdner Ensemble auf der Leuchtbühne © Marco Prill

Regisseur Jan Gehler bringt die Charaktere als playmobilhafte Spielfiguren auf die Bühne. Sie tragen lange Kittel und verschiedene Kunststoff-Perücken, aus deren Farbe sich die Familienzugehörigkeiten ableiten lassen (Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau). Die Bühne ist eine requisitenlose Fläche aus acht mal acht Leuchtquadraten zwischen – je nach Farbwechsel – Spielbrett und Gameshow. Am Anfang wirkt das Ensemble noch recht homogen und tritt als Bewegungschor auf, der das Bühnengeschehen durch Laute oder Ausrufe kommentiert. Im Laufe des Stücks löst sich der Chor auf und die Figuren werden klarer ausdifferenziert.

"Die Frau vom Schmied kriegt ne Blitzheilung"

Dieser Zugriff des Regieteams hat Vor- und Nachteile. Einerseits betonen Gehler und Zeschau die Typenhaftigkeit der Figuren und erleichtern die Orientierung auch bei Mehrfachbesetzungen. Andererseits wirkt die Umsetzung so teils etwas statisch, abstrakt, seelenlos, gerade in den fantasievollsten Textstellen.

Denn von den Alltagsschauplätzen wechselt die Handlung in die Fantasiewelten von Kindern und Erwachsenen (und zurück), wenn etwa Oma Gudrun von ihrer eigenen Kindheit erzählt und Frau Mölke vergessen hat, wer oder wo sie eigentlich ist. Ulrike Sperberg ist als Altersheimbewohnerin ohnehin der Höhepunkt der Produktion, wenn sie mit liebenswürdigem Berliner Akzent wieder und wieder allen erzählt, dass sie mal Straßenbahnfahrerin war, als die Züge in der Kurve noch so richtig quietschten.

Gegen Ende werden alle losen Handlungsfäden Richtung Happy End entwirrt – da zieht sich auch Freyers (ohnehin schon gekürzter) Text etwas. Davor aber, in den Konflikten, besitzen die "Geschichten vom Aufstehen" eine schöne Spannung. Zum Beispiel, als Rabea und ihre Freundin Anna (Adrienne Lejko) Pferd spielen. Rabea will, dass auch Anna mal "Curry" ist (so heißt das Pferd). Weil Anna das nicht will, macht sie dominant die Regeln und denkt sich immer neue Hindernisse aus: Erst auf der Koppel wird getauscht. Doch weil es regnet und der Boden matschig ist, verliert Curry ein Hufeisen – aber der Hufschmied muss auf seine kranke Frau aufpassen. "Die Frau vom Schmied kriegt ne Blitzheilung. Der Schmied fliegt zum Matschweg. | Fliegt? | Superkraft. | Hä?" Rabeas Alternativversion der Geschichte findet Anna so unrealistisch, dass sie ihr vorerst die Freundschaft kündigt. Auch die kindliche Fantasie (und Geduld) hat eben Grenzen.

 

Geschichten vom Aufstehen
von Thomas Freyer
Regie: Jan Gehler, Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau, Musik: Jan Maihorn, Dramaturgie: Andra Born.
Mit: Mats Albrecht, Babette Kuschel, Simon Latzer, Adrienne Lejko, Mirko Näger-Guckeisen; Paul Oldenburg, Bettina Sörgel, Ulrike Sperberg, Florian Thongsap Welsch, Gregor Wolf.
Uraufführung am 4. Februar 2023 am tjg. theater junge generation Dresden
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.tjg-dresden.de
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