Ich will mehr!

Nicht immer reißen im Kindertheater ein Text oder eine Geschichte vom Hocker. Manchmal sind es auch Chips und Schuhe. Gerben Vaillant macht aus Iona Daniels "Dunkelschwarz" wilde Postdramatik.

Von Falk Lörcher

 

"Dunkelschwarz" von Iona Daniel, uraufgeführt von Gerben Vaillant am Jungen Theater Münster © Sinje Hasheider

17. Mai 2024. Dunkelheit – das ist gruselig, zum Fürchten! Wenn es dunkel ist, dann sieht man nichts, Monster gibt es da, Ungeheuer vielleicht. Höhlen, dunkle Gassen, in die nur wenig Licht fällt, unter dem Bett, nachts, auf dem Weg zur Toilette, im Theater, bevor die Aufführung beginnt. Dunkle Orte sind solche, an denen man eigentlich nicht sein möchte.

In Iona Daniels "Dunkelschwarz" wird die Dunkelheit zur Figur. Der Text der Autorin öffnet Assoziationsräume, erkundet das Dunkeln in verschiedensten Facetten. Es ist das erste Stück der niederländischen Autorin in deutscher Sprache und ihre erste Einladung nach Mülheim.

Wie im Skaterpark

Regisseurin Gerben Vaillant bringt den Text in ihrer Inszenierung vom Jungen Theater Münster als lustvolles Chaos-Spiel auf die Bühne. Zu Beginn stehen auf der Bühne von Lennard Dose und Nils Kassens lediglich zwei große, pastellfarbene Holzquader, die an riesige Bauklötze erinnern und sich in verschiedene Module zerlegen lassen.

Soraya Abtahi, Amelie Barth, Isabel Bernhard, Sarah Bernhard, Friederike Klodwig und Charlotte Petersen bewegen sich durch diese Bühnenlandschaft. Während sie in einer unverständichen Fantasiesprache sprechen, bauen die Schauspieler*innen die Klötze auseinander, bis die Bühne an einen Spielplatz oder Skatepark erinnert. Musik setzt ein und die Darsteller*innen beginnen ausgefallen zu tanzen, zu stampfen und zu marschieren.

Die Kostüme von von Gerben Vaillant sind schlicht, in schwarz, weiß oder grau Tönen gehalten. Durch Schnipsen werden mit der Zeit alle dunklen Ecken auf der Bühne mit Licht durchflutet – dunkel ist es jetzt nur noch im Publikum. Plötzlich verdunkelt sich auch der Bühnenraum wieder. Ein heller Lichtkegel wandert direkt auf die Zuschauer*innen, die sich erschrecken und anfangen zu schreien. Gruselig.

Dunkelschwarz2 1200 Sinje HasheiderTheater der Atmosphären: "Dunkelschwarz" in der Regie von Gerben Vaillant © Sinje Hasheider

Als es wieder hell wird, beginnen die Darsteller*innen, allerlei Requisiten aus dem Dunkel auf die Bühne ziehen. Ihre Kostüme sind jetzt bunter und opulenter. Ein Hochzeitskleid, ein Wolfskostüm, Muster, Glitzer und farbige Stoffe. Friederike Klodwig verteilt als Gärtnerin im grünen Einteiler Topfpflanzen auf der gesamten Bühne. Auch Lametta, ein Einkaufswagen, eine Leiter, einen Kleiderstange, ein Fußball und jede Menge Klamotten werden auf die Bühne gebracht, die mehr und mehr ins Chaos verfällt.

"Ich will auch Chips | Chips! | Chips, gib mir Chips", beginnen einige der Kinder aus dem Publikum zu schreien, als Charlotte Petersen mit einer Tüte Chips auf die Bühne läuft. Immer mehr Kinder werden unruhig, melden sich, springen dann auf. Sie alle wollen etwas von dem haben, was sich auf der Bühne befindet – was, ist eigentlich egal. Als die Schauspieler*innen beginnen, einzelne Schuhe an das Publikum in der ersten Reihe und an den Seiten zu verteilen, ziehen einige Kinder ihre eigenen Schuhe aus und halten sie hoch. "Ich | Ich auch | Ich will haben", schreien sie.

Als es nach den tumultartigen Szenen, dem Requisitengewirbel ruhiger wird, dunkler, eine längere Textpassage zur Beschaffenheit der Dunkelheit beginnt, hört man ein Kind "Ich hab keinen Bock mehr, kann ich gehen?", rufen. "Ich auch nicht" kommt aus den Reihen dahinter.

Ein Traum für Sechsjährige

Viel von Daniels Text wurde gestrichen. Bis auf einzelne Passagen und Monologe ist Gerben Vaillants Inszenierung viel mehr sinnliche Durcheinander-Performance als dramatisches Theater. Die Kinder lassen sich begeistern von den sinnlichen Eindrücken, der Musik, der Choreographie, dem Chaos auf der Bühne, während der Text eher aus einer erwachsenen Zuschauer*innenperspektive interessant ist.

Denn es wird wie in lupenreiner Postdramatik keine Geschichte erzählt, es gibt keine wirkliche Handlung, keinen Spannungsbogen – die Figuren werden eher angedeutet als konkret ausgearbeitet. Es ist eine poetische Auseinandersetzung mit der Dunkelheit, der Abwesenheit von Licht. Daniels Sprache und Poesie ist teils zu komplex, zu erwachsen für ein Stück ab sechs Jahren.

"Dunkelschwarz" ist mithin vor allem performatives Theater, und darin gut. Es schickt die Kinder auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Sie gruseln sich um Dunklen, sind beeindruckt vom Licht, tauchen ins Chaos und den Reichtum der Requisiten ein – fast wie in einem überbordenden Kinderzimmer. Ein Traum für Sechsjährige.

 

Dunkelschwarz
von Iona Daniel
Regie, Kostüme: Gerben Vaillant, Bühnenbild: Lennard Dose, Nils Kassens, Musik: Timon Persoon,
Dramaturgie: Angela Merl, Anne Abrahams, Theaterpädagogik und Kooperation Hochschulen: Kristina Krieger, Tanzpädagogik: MNEME kollektiv.
Mit: Soraya Abtahi, Amelie Barth, Isabel Bernhard, Sarah Bernhard, Friederike Klodwig und Charlotte Petersen.
Premiere am 23. September 2023 am Jungen Theater Münster
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com
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