Expedition geglückt

Der KinderStückePreis 2024 ist vergeben. Armela Madreiter siegt mit "südpol.windstill". Nach öffentlicher Jury-Debatte. Den Sieg trägt nicht nur ein erstklassig gearbeiteter Text davon, sondern auch ein poetisches Programm.

Von Michael Wolf

KinderStücke-Siegerin 2024: Armela Madreiter © Daniela Motzkus

17. Mai 2024. "Wie der erste Liebeskummer", so fühle sich das gerade an, beklagte Jurymitglied Ebru Tartıcı Borchers, als sie aufgefordert wurde, sich für eines der beiden im Wettbewerb verbliebenen Stücke zu entscheiden. Eklärtermaßen schwer fiel die Wahl auch den Kulturjournalisten Anne Fritsch und Björn Hayer, die gemeinsam mit der Regisseurin in öffentlicher Diskussion über den KinderStückePreis befinden sollten. Letztlich war es dann jedoch eine erstaunlich klare Sache. Einstimmig entschieden sich die drei für Armela Madreiters "südpol.windstill".

Die 1992 geborene Wienerin erzählt die Geschichte der Grundschülerin Ida, die allein bei ihrer alkoholkranken und arbeitslosen Mutter lebt. Um mit ihrer schwierigen Situation umgehen zu können, hat Ida einen Freund erfunden. Es handelt sich um niemand Geringen als den Polarforscher Robert Falcon Scott. Gemeinsam protokollieren sie die Zustände der Mutter und gestalten Idas Alltag als wissenschaftliche Expedition.

Unerschrocken im Problem-Haushalt

Die Jury war von Anfang an voll des Lobs. Borchers zeigte sich beeindruckt davon, dass das Stück zu keinem Zeitpunkt deprimierend sei, obwohl so schwierige Themen verhandelt würden. Björn Hayer pries die "sehr konzentrierte Komposition", und Anne Fritsch freute sich über die Hauptfigur, die ihren Alltag unerschrocken als eine wahre Heldin angehe und dem Publikum damit, so die Hoffnung, das Sprechen über Themen wie Krankheit, Alkoholismus oder Vernachlässigung erleichtern könnte.

Einhellige Begeisterung also auf dem von Cornelia Fiedler moderierten Podium. Und doch kam die Entscheidung nicht ohne die bereits erwähnte Wehmut aus. Denn auch Henner Kallmeyers Text "Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd" kam in der öffentlichen Beratung sehr gut weg. Fritsch freute sich, wie darin die verschiedenen Sichtweisen der Kriegsparteien präsentiert würden, Björn Hayer beschmiss den Text geradezu mit Lorbeer ("virtuos", "kohärent", "kurzweilig") und die gelernte Schauspielerin Borchers wollte beim Lesen sofort auf die Bühne springen, so sehr imponierte ihr die Lebendigkeit der Figuren.

Südpol windstill1 1200 Susanne ReichardtArmela Madreiters Siegerstück "südpol.windstill" in der Regie von Yvonne Kespohl, uraufgeführt am Jungen Theater Heidelberg © Susanne Reichardt

Wie aber kam die Entscheidung gegen Kallmeyer und für Madreiter dann letztlich zustande? Die Juroren hielten sich mit Antworten leider weitgehend bedeckt, nur Björn Hayer lieferte eine Begründung mit dem Hinweis, dass man der Figur des Hermes in "Troja!" seine dramaturgische Funktion anmerke, während sich bei Madreiter alles organisch aus dem Spiel heraus entwickle.

Die anderen drei Stücke fielen im Rennen um den mit 15.000 Euro dotierten KinderStückePreis früh zurück. Fritsch kritisierte Marion Braschs "Winterkind und Herr Jemineh" harsch als "altbacken" und "betulich". Hayer zeigte sich von Thomas Freyers "Geschichten vom Aufstehen" "am wenigsten überzeugt", da die Probleme der vielen Figuren nur angeteasert, aber nicht wirklich diskutiert würden. Iona Daniels Stückentwicklung "Dunkelschwarz" hielt sich als dritte Produktion noch eine Weile im Gespräch und fand insbesondere in Hayer einen leidenschaftlichen Fürsprecher. Doch selbst er gab schließlich zu, dass der Text für die Altersgruppe zu schwer verständlich sei.

Mehr Mut zum Wagnis

Es fällt auf, dass damit letztlich sehr konventionelle Poetiken ins Finale kamen. Weder das poetische Experiment ("Dunkelschwarz") noch die dramaturgisch unorthodoxe Struktur von Freyers Stück konnten überzeugen. Ausgezeichnet wurde stattdessen ein Text, der sehr dicht, gekonnt und konzentriert eine nachvollziehbare Geschichte erzählt. Ist das als Statement zu verstehen – als Plädoyer gegen das Wagnis und für sauberes Handwerk? Nein, denn für einen Preis waren die unkonventionelleren Stücke sprachlich zu schwach und formal nicht zwingend genug. Madreiters Sieg geht also völlig in Ordnung.

Für die kommenden Jahrgänge wünscht man sich aber stärkere Positionen jenseits der herkömmlichen Poetiken. Schon allein, weil dieses Festival zu den wenigen Orten gehört, in denen öffentlich debattiert wird, was Stücke und Kinderstücke heute ausmachen sollten. Diese Diskussion gewinnt enorm an Erkenntnispotenzial, wenn in ihr sehr verschiedene ästhetische Positionen verhandelt werden.

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