Sexy Ungeziefer

Beim Publikumsgespräch gibt sich Dramatiker Roland Schimmelpfennig redselig. Und überrascht mit einer Liebeserklärung.

Von Marlene Drexler

Lina Beckmann und Roland Schimmelpfennig © chr

8. Mai 2024. Während Roland Schimmelpfennig schon die ersten Fragen von Moderatorin Shirin Sojitrawalla beantwortet, kleben die Blicke der Gäste vor allem an der Tür. Gespannt, fast schon ungeduldig wird der Star des Abends erwartet. Gesäubert von Kunstblut, Lehm und Schweiß kommt Lina Beckmann schließlich in blauer Adidas-Trainingshose und mit einem Bier in der Hand aufs Podium. Bescheidenes Lächeln.

Die Hände noch heiß von den vorangegangenen langen Standing Overations gibt es dann nochmals einen leidenschaftlichen Applaus, später gar Bravo-Rufe. Bei einem Publikumsgespräch! Und ja, vollkommen zurecht. Beckmann hat aus Schimmelpfennigs Textvorlage ein Monument gemacht. "Laios" in der Regie von Karin Beier (die selbst aufgrund von Probenverpflichtungen nicht angereist war) ist ein überwältigender Theaterabend: anziehend, tiefsinnig, sexy.

Der Ursprung von "Laios" war dagegen ziemlich unsexy, wie man von Schimmelpfennig erfährt. Es war ein dunkler Novembertag, an dem sein Telefon klingelte und die Hamburger Intendantin Karin Beier ihn bat, die griechischen Mythen – beginnend bei Dionysos über Laios, Ödipus, Iokaste, Antigone – neu zu fassen. Die Idee für das fünfteilige Serienprojekt "Anthropolis" (zu Deutsch etwa: Menschenstadt) entsprang der Coronapandemie, der Lockdown-Zeit, in der einsam geprobt, aber nichts aufgeführt werden konnte. Das Hamburger Schauspielhaus hat die Umstände genutzt und vorproduziert.

Wie ein Fisch im Wasser

Schimmelpfennig ist ein Dauergast in Mülheim. Dieses Jahr wurde er zum elften Mal eingeladen, im vergangenen Jahr hat er den Kinderstückepreis gewonnen. Nicht jede/r Autor/in fühlt sich auf dem Podium wohl, wie man in den vergangenen Festivaltagen erleben konnte. Schimmelpfennig dagegen wirkt in seiner unaufgeregten Plauderlaune wie ein Fisch im Wasser. Sekundenschnell nimmt der Autor jede Anregung auf und liefert spritzige Erläuterungen. Etwa, dass man ihm sehr wohl ansieht, ob er fürs Theater schreibt, oder an einem Roman. Bei Theaterdramatik brauche es Texte, die klingen. Dementsprechend sei auch die Dynamik beim Tippen eine andere. Beckmann als bodenständiger Sidekick des Gesprächs liefert humorvolle Brüche: Die anderthalb Stunden so ganz alleine auf der Bühne seien "schön und schlimm".

Die Antike sei "größer als Tarantino", pointiert Schimmelpfennig, um dann auch im Verlauf die Eigenlogik der Mythen hochzuhalten: Auf die Frage aus dem Publikum, warum Amphion Laios nicht getötet hat (obwohl er bei Laios' Vater und seinen Geschwistern nicht gezögert hatte) sagt Schimmelpfennig: "Weil keiner, auch nicht Amphion, in der Lage wäre, den letzten Nachfahren von Kadmos, dem Drachentöter auszulöschen." So ist der Mythos: Bei all der schaurigen Gewalt unlogisch und doch so logisch zugleich.

Generell versprüht der Autor viel Liebe, auch für die Mülheimer Theatertage: "Es ist groß, wie man hier Sprache und Theater erleben kann." Und er bricht eine Lanze für das Theater an sich. Er habe immer gesagt, Theater ist die Kakerlake unter allen Kunstformen. Sie könne auch im Keller überleben. Und dann sei Corona gekommen und habe diese These in sich zusammenfallen lassen, mit den Distanzen, der Vereinsamung, den Streamings, die Theater so schlecht aufwiegen konnten. Und heute? "Sage ich wieder das, was ich immer gesagt habe." Kakerlaken überleben wirklich alles.

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