Wie es so weit kommen konnte

Das theaterkohlenpott Herne bringt ein schwieriges Thema nach Mülheim. Henner Kallmeyer erzählt in seinem Stück vom Trojanischen Krieg, meint aber alle Kriege, auch die gegenwärtigen.

Von Falk Lörcher

Henner Kallmeyers "Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd" in der Regie von Frank Hörner am theaterkohlenpott Herne © Young-Soo Chang

16. Mai 2024. Es ist dunkel. Blaues Licht beginnt zu flackern und ein fetter Beat schallt aus den Boxen. Der queere Rap-Gott Hermes fährt mit seinem Dreirad, geschmückt mit bunten Federn und Zebra-Sattel, über die Bühne und beginnt mit viel Autotune zu rappen: "Die Götter geh’n steil auf meine sicken Lieder".

Eigentlich spielt Henner Kallmeyers Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd circa 1300 bis 1200 Jahre vor unserer Zeitrechnung – wir befinden uns mitten im Trojanischen Krieg. Die junge Griechin Briseis hat sich in das Holzpferd geschmuggelt. Der Trojaner Spourgitis kann nicht schlafen und wandelt umher, als er sich plötzlich verstecken muss, da die griechischen Soldaten die Stadt einnehmen. Er beschließt, Unterschlupf im Pferd zu suchen, wo er auf Briseis trifft. Als die beiden einander als Feinde erkennen, erschrecken sie sich und sofort will Briseis Spourgitis mit ihrem Schwert erschlagen. Sie zögert allerdings, denn Spourgitis ist unbewaffnet – und schließlich sind die beiden ja noch Kinder.

Hermes (Gareth Charles) nimmt Briseis das Schwert weg und drückt Spourgitis (den er spöttisch auch Spuggi nennt) und ihr Gewehre in die Hand. Ein Song (Musikalische Leitung: Sebastian Maier) zum Thema Waffen wird performt. Schnell wird deutlich, dass es hier nicht nur um Troja geht, um irgendeine antike Geschichte. Es geht um Krieg. Und um Freundschaft. Darum, dass Freundschaft im Krieg nicht bestehen kann. Und dass Krieg auch deshalb etwas ist, was nicht sein sollte.

Das Gastspiel des theaterkohlenpott Herne im Ringlokschuppen erinnert an die gefährliche Weltlage. Das ist kein abstrakter, kein leichter Stoff in dieser Zeit, in der wir leben. Nach einem ersten Schreck beginnen die Kinder, sich anzunähern. Briseis (Franziska Schmitz) und Spourgitis (Sefa Küskü) bewegen sich vorsichtig aufeinander zu. Sie schütteln sich zaghaft die Hände und sitzen dann auf der Bühne, Rücken an Rücken.

Troja1 1200 Young Soo ChangEin starkes Ensemble: Franziska Schmitz, Gareth Charles und Sefa Küskü © Young Soo Chang

Zehn Jahre Trojanische Krieg – wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die griechische Königin Helena wurde von Paris, dem Prinzen von Troja, entführt, woraufhin die Griechen versuchten, Troja zu erobern und Helena zurückzugewinnen. Zweimal wird die Geschichte erzählt – zuerst aus trojanischer, dann aus griechischer Perspektive. Franziska Schmitz gibt für die trojanische Version, in der Helena freiwillig mit nach Troja kam, einen wunderbar mackrigen Menelaos, der breitbeinig dasteht und sich hart, männlich und schroff ausdrückt, während Gareth Charles sich im pastellrosa Reifrock als schöne Helena präsentiert.

Charles glänzt ansonsten in seiner Rolle als arroganter Götterbote, in der er meist verzögert über ein Mikroport spricht. ("Das ist doch kein Hall, das ist ein Delay!") Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, Briseis und Spourgitis zum Kämpfen anzustiften, zieht er sich in eine mit blinkenden LED-Streifen ausstaffierte Lounge am Bühnenrand zurück, um Champagner zu trinken und den Sterblichen beim Sterblich sein zuzusehen.

Sefa Küskü und Franziska Schmitz wirken in ihrem Spiel alles andere als kindlich. Das Kennenlernen von Briseis und Spourgitis erinnert viel mehr an ein Date zweier Menschen Ende 20, in deren Zuneigung auch Verspieltheit liegt. So schaffen es die (erwachsenen) Schauspieler*innen in Frank Hörners Inszenierung, den Text auf die Bühne zu bringen, ohne zu versuchen, etwas zu sein, was sie nicht sind: Kinder. Das Ergebnis ist ein echtes Theatertage-Highlight! Diese Geschichte packt, weckt auf und begleitet einen noch auf dem Heimweg, auf dem man nicht aufhören kann zu schwärmen.

 

Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd  
von Henner Kallmeyer
Regie: Frank Hörner, Dramaturgie: Henner Kallmeyer, Ausstattung: Natalia Nordheimer, Musikalische Leitung: Sebastian Maier
Mit: Gareth Charles, Sefa Küskü, Franziska Schmitz.
Premiere am 4. März 2023 am theaterkohlenpott Herne
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-kohlenpott.de/

 

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