Du und deine Probleme

Zwei junge Menschen verlieben sich bei einer Demonstration, lernen sich im Internet besser kennen und träumen bald von einer gemeinsamen Zukunft. Aber wie gut kennen sich die beiden wirklich?

Von Svenja Plannerer

"Out there" © Sinje Hasheider

24. Mai 2024. Es ist eigentlich ganz einfach, sich im World Wide Web kennenzulernen. Es reicht ein einfacher Kommentar unter einem Foto. Nachrichten sind fix ausgetauscht, und schon hat man neue Freund*innen mit ähnlichen Interessen. Jugendliche machen das heute dauernd so, finden manchmal sogar von ihren Freund*innen im Netz mehr Unterstützung als offline. Trotzdem stellt sich manchmal die Frage: Wie gut kennen wir uns wirklich?

Den beiden Hauptpersonen im Stück "Out There" von Stanislava Jević geht es ähnlich. Angelina und Leo, Leo und Angelina – zwei Jugendliche, zwei Welten. Sie haben auf einer Fridays-for-Future-Demo kurz Augenkontakt und kriegen sich fortan gegenseitig nicht mehr aus dem Kopf. Schockverknallt – obwohl sie eigentlich nichts voneinander wissen.

"Out There", inszeniert für Zuschauer*innen ab 14 Jahren, wird im Rahmen einer Kooperation mit dem Heidelberger Stückemarkt gezeigt. Die Produktion des Jungen Schauspielhaus Hamburg gewann vor einem Jahr in Heidelberg den Jugendstückepreis

Regisseurin Dominique Enz greift in ihrer Inszenierung die Idee der zwei Welten auf und trennt das Publikum. Eine Gruppe blickt zuerst in Angelinas Jugendzimmer, dann in Leos, die andere genau umgekehrt. Ein schlauer Einfall, um Multiperspektivität herzustellen, zumal die Gruppen nicht das Gleiche sehen, denn eigentlich gibt es vier Teile. Wer zuerst Angelina in dem einen Raum erblickt, sieht nicht Leos Perspektive auf das gegenseitige Kennenlernen. Wer Leo bei den gemeinsamen Telefonaten erlebt, bekommt von Angelina nur die Stimme mit. Um die ganze Geschichte zu erfahren, müssen sich die Zuschauer*innen im Anschluss an die Vorstellung austauschen.

Unterschiedliche Temperamente

Die Räume der beiden sind sehr unterschiedlich gestaltet. Angelina hat ein schlicht eingerichtetes Zimmer zur Verfügung. Statt einer Tür ist es mit einem Vorhang vom Rest der Wohnung abgetrennt. Leos Zimmer ist abstrakter und nur durch eine Matratze mit Decke und Kissen angedeutet, die auf freier Fläche liegt. Gemeinsam haben beide, dass sie von Asphaltbrocken und zerborstenen Discokugeln umgeben sind.

Alicja Rosinski als Angelina und Jara Bihler als Leo, die in Mülheim den Part anstelle von Emma Bahlmann übernimmt, sind in ihren Energien sehr unterschiedlich. Angelina bezeichnet sich selbst als "Duracell-Hase", der ständig funktionieren müsse, was auch ihrer Familiensituation geschuldet ist. Rosinksi greift diese Beschreibung genau auf, steht kaum einen Moment still, geht nachdenklich durch das Zimmer oder springt vor Glück, wenn eine Nachricht von Leo ankommt. Dagegen ist Leo zurückhaltender, in sich gekehrt. Bihler durchstreift die Bühne, als bewege sie sich in einem Traum.

In der ersten Hälfte des Stücks nähern sich Angelina und Leo in Chatnachrichten an. Vor allem Leo gibt viel über sich preis – Leo ist genderfluid, nutzt dey/deren-Pronomen. Dey muss in einer Patchworkfamilie klarkommen, die Eltern leben getrennt in teuer ausgestatteten Häusern. Angelina ist bald enttäuscht und wütend, dass Leo nie zurückfragt, wie es ihr geht – fast bricht der Kontakt ab.

In der zweiten Hälfte telefonieren die beiden fast jeden Abend miteinander. Leo entschuldigt sich, und endlich kann Angelina sich Leo öffnen: Sie hat Angst. Angst vor dem Klimawandel, Angst, sich vor der Mutter als queer zu outen und nicht akzeptiert zu werden, Angst, dass ihr Vater für immer arbeitslos und die Familie arm bleiben wird und weiter in einer winzigen Wohnung leben muss. Erst in einem kurzen dritten Teil treffen sich die beiden persönlich.

Es bleibt offen, wie es danach mit den beiden weitergeht, aber Stanislava Jević und Dominique Enz geht es auch nicht nur darum eine Liebesgeschichte zu erzählen. "Out There" bietet vielmehr eine Zusammenfassung von Problematiken der heutigen Zeit und wie sie von jungen Menschen wahrgenommen werden. Klimakatastrophe, Queerness, Klassenunterschiede, Familienbande, Social Media – sie kommen im Stück gelungen zusammen und werden mittels des Perspektiventauschs auch noch abwechslungsreich dargestellt.

 

Out There
Postgraduierten-Projekt in Kooperation mit der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
von Stanislava Jević nach einer Idee von Dominique Enz
Regie: Dominique Enz, Bühne und Kostüme: Katrin Plötzky, Komposition: Matthias Schubert, Licht: Ole Dahnke, Dramaturgie: Stanislava Jević, Mitarbeit Text: Dominique Enz.
Mit: Alicja Rosinski und Jara Bihler.
Uraufführung am 20. Mai 2022 am Jungen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.junges.schauspielhaus.de
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