Untrautes Heim 

Familiengeschichten sind das große Thema unserer Tage. Und kein behagliches. Wer Familie sagt, muss offenbar auch Gewalt sagen.

Von Marlene Drexler

Felicia Zellers "Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt", uraufgeführt von Eike Weinreich in Oberhausen © Axel J. Scherer

14. Mai 2024. Wie ausgestellt wirken sie in dem Glaskasten. Eine sitzende Frau, ein stehender Mann. Kostüme aus der Biedermeierzeit, ernste Gesichter. Sie bestickt ein Tuch. Er blickt nach vorne, der Körper unter Spannung: Blinzeln verboten. Es scheint, als suchten die beiden die Umwelt mit Argusaugen nach Fehlern ab. Die Regieanweisung dazu: "Ein karger Wohnraum/ Fremde hinter dickem Glas / die Familie". So werden die Figuren "Mutter" und "Vater" in Rainald Goetz' mit NSU-Verweisen gespicktem Drama Baracke eingeführt. Zur Stimmung notiert der Autor: "Bösartiges war in dieser Stille, der Haß des Vaters, die Erstarrung der Mutter".

Goetz entwirft nicht beliebig irgendeine Familie, sondern die Familie – als Topos. Man versteht: Es soll zur Verallgemeinerung taugen, was hier beschrieben wird. Und das gemeinsame Koordinatensystem steht schon in der ersten Szene klar vor Augen, spätestens mit der grob dahingestellten Aussage „Prügel ohne Grund“. Hier ist Familie gleich Terror.

"Baracke" ist nicht das einzige nach Mülheim eingeladene Stück, das die Familie als Ort der Verrohung fasst. Auch Felicia Zellers Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt klopft unterschiedliche Familienansichten auf das Moment des physischen Übergriffs ab. Es versammelt Schicksalsberichte aus einem Frauenhaus. Das klingt dann so: "Es gibt Männer, die sind im Kopf nicht ganz normal / Männer, die ihre Frauen und Kinder beißen, treten, stoßen, schubsen, wegschleudern und / ohrfeigen / Männer, die ihre Frauen mit Fäusten schlagen, sie würgen, sie verbrühen, sie mit Gegenständen bewerfen, mit einer Eisenstange".

Hier ist die Gewalt zuhause

Die nach Mülheim eingeladenen Stücke zeichnen ein ziemlich düsteres Familienbild: die Familie als Ort von Gewalt. Als Ursprung auch gesellschaftlicher Gewalt. "alle gewalt / geht von der familie aus", heißt es bei Rainald Goetz in Anlehnung an Artikel 20 des Grundgesetzes. In Falk Richters The Silence werden die Spuren körperlicher und seelischer Verwundungen ausgeleuchtet. Richter erzählt davon, wie seine Eltern ihm in der Jugend beharrlich signalisierten, dass er so, wie er ist, nicht richtig ist, nicht reinpasst in die heteronormative Ordnungsvorstellung. Als er von zwei homophoben Jugendlichen verprügelt wird, verweigert der Vater Trost; als die Eltern Richters schwule Jugendliebe entdecken, wird er vom Vater gegen die Wand geschleudert.

5 Laios Rittershaus 077Lina Beckmann in der Hamburger Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Laios" © Monika Rittershaus

Die antiken Wettbewerbsbeiträge in Mülheim verschieben diese konkreten Gräuel ins Zeichenhafte und Überzeitliche. Hier steht der Mensch an und für sich in einer Genealogie der Gewalt; Brutalität gehört zur DNS, zum Stammbaum. In Laios erzählt Roland Schimmelpfennig vom thebanischen König, der seinen Sohn Ödipus aussetzt, weil das Orakel prophezeite, dass dieser ihn dereinst töten werde. Bei Schimmelpfenning klingt das so: "Und dann kam das Kind zur Welt, / der Sohn, und dann durchbohrten sie, / Laios und Iokaste, / seine Füße, / fesselten ihn / und ließen ihn, / gerade erst geboren,/ aussetzen".

Thomas Köcks forecast:ödipus schreibt diese Geschichte auf seine Weise weiter und erhebt den privaten Fall zum Menschheitsdrama. Ödipus' Blindheit für sein Schicksal wird hier zum Sinnbild der blindwütigen und letztlich selbstzerstörerischen Ausbeutung des Planeten durch den Menschen. Diese Familienbilder, seien sie nun konkret zeitgenössisch angelegt oder als düstere Menschheitsbildnisse, zeigen den Verlust von Schutzorten. Das traute Heim wird zum Ort des Unheimlichen. Die Eindrücke stehen im krassen Widerspruch zu den geschönten Bildern, die uns die sozial-mediale (Netz)-Öffentlichkeit ins Bewusstsein spült. Auf Instagram & Co. wird Familie massenhaft illustriert und kommerzialisiert. Die Folge: Beigefarben gekleidete Bilderbuch-Familien verzerren unseren Eindruck von Realität.

Gegen diese glatten Oberflächen scheint die neue Dramatik anzuschreiben. Sie liefert das Korrektiv, radikale Überbelichtung gegen die inflationären Trugbilder. Denn tatsächlich hat häusliche Gewalt mit Corona massiv zugenommen. Im Publikumsgespräch zu Zellers "Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt" bestätigte eine Mitarbeiterin des Oberhausener Frauenhauses den wachsenden Problemdruck.

Konflikt als Kraftstoff

Familie ist die kleinste Einheit der Gesellschaft und deshalb politisch, wie Goetz' Stück zeigt. Was hinter verschlossenen Türen passiert, schwappt unvermeidlich über den Einzelnen hinaus in die Gemeinschaft. Das Gute ist: Es handelt sich nicht um Automatismen. Gewaltketten lassen sich durchbrechen, und die Bewusstmachung ist ein erster Schritt zur Abhilfe. Hier kann die Literatur mit ihren schonungslosen Darstellungen eingreifen.

Davon abgesehen zehrt Literatur natürlich – sozusagen systemimmanent – von Konflikten. Familie ist für Schriftsteller*innen interessant, weil sie einen potentiell prekären Raum aus Abhängigkeiten und Machtgefällen darstellt. Kinder sind auf ihre Eltern angewiesen, ihre Liebe, ihre Zuneigung – aussuchen kann man sich die eigene Familie aber gerade nicht. Das birgt Zündstoff, Romanstoff, Stoff für Bühnen- und Erzählwerke. Berühmt geworden ist das Diktum von Leo Tolstoi: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." Unglück ist schlecht fürs Leben, aber gut für die Literatur.

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