Ruckzuck

Wenig Lust auf negative Urteile: Die Preisjury beugte sich lange liebevoll über die Stückeauswahl und vergab den Mülheimer Dramatikpreis am Schluss im Turbo.

Von Svenja Plannerer

Die Juryabschlussdebatte der 49. Mülheimer Theatertage © chr

26. Mai 2024. Wer auf die große Kontroverse oder ein verbales Schlammcatchen hofft, wird enttäuscht: Die Jurydebatte um den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikpreis 2024 verläuft unaufgeregt, Kritik wird äußerst wohlwollend geäußert. Wer aufmerksam zuhört, für den zeichnet sich tatsächlich schon sehr früh ein Favoritenstück ab.

Nach einer Erinnerungsrunde, in der die Stücke und ihre Besonderheiten kurz vorgestellt werden, taucht Moderator Janis El-Bira mit der fünfköpfigen Jury direkt in die Diskussion ein. Er beginnt dabei mit dem letzten Stück des "Recaps", Sivan Ben Yishais Nora oder wie man das Herrenhaus kompostiert (in der deutschen Übertragung von Gerhild Steinbuch), das soeben in der Stadthalle über die Bühne gegangen ist.

Regisseurin Anna Bergmann lobt an diesem "großen Anklagetext" die Kritik am weißen Pseudo-Feminismus, auch an der aktuellen Situation an den Theatern und hebt die besondere äußere Form des Textes hervor, die teilweise an Konkrete Poesie erinnere. Für Dramaturgin Anja Dirks ist der einzige größere Einwand, dass man Ibsens Vorlage "Nora oder Ein Puppenheim" gut kennen müsse, um Ben Yishais Stück als befriedigend zu empfinden. Nach dieser anfänglichen großen Lobeshymne wird Nora lange nicht mehr erwähnt. Ein Zeichen.

Bei Roland Schimmelpfennigs Laios stellt sich zum ersten Mal die Frage der Nachspielbarkeit. Könne nach Lina Beckmanns Glanzleistung überhaupt jemand anderes das Stück spielen?, will Moderator El-Bira wissen. Theaterkritiker Franz Wille, der auch Sprecher des Auswahlgremiums ist, ist von der Frage "fassungslos". Natürlich gehe das! Kulturjournalist Maximilian Sippenauer sieht das Verdienst des Textes in der Aufarbeitung des nur in Bruchstücken überlieferten Laios-Stoffes, die es so bisher noch nicht gegeben habe. Sie finde "Laios" einen guten Erzähltext, aber eher "weltabgewandt", meint Schauspielerin Amanda Babaei Vieira.

Die erste größere Kritik muss Thomas Köcks forecast:ödipus einstecken. Sippenauer findet den Text überladen mit trendigen Polit-Themen, die Checklisten-artig in den Text gepresst werden. Für Dirks geht die Analogie zwischen Ödipus' Schuld und dem Ignorieren der Klimakrise nicht auf. Wozu einen Mythos überschreiben, wenn dieser ungeeignet ist, die angepeilte Thematik zu tragen? Die Figuren blieben sehr in der Zeichenhaftigkeit stecken, das Stück sei zu sehr auf der Meta-Ebene unterwegs. Es fehle die spielerisch-emotionale Anbindung.

An Ewe Benbeneks Juices findet Dirks den Anfang, der den Beginn des Schreibens selbst thematisiert, bemerkenswert. Essayistisch habe der Text große Qualitäten, trotzdem bleibe der Konflikt ein innerer, was darstellerisch eine Herausforderung sei. Der Autorin sei es größtenteils gelungen, das Stück nicht zum "working class porn" zu machen, meint Sippenauer, bis auf die Szenen mit der Spargelernte. Hier werde das Klischee der leidenden osteuropäischen Erntehelfer*innen zu sehr bedient. Vieira und Bergmann schwärmen von Benbeneks Sprache und ihrem Rhythmus.

Das große Schweigen

Es sei Zeit gewesen, dass das Thema von Falk Richters The Silence mal auf die Theaterbühnen komme, betont Dirks. Prononcierter als bei "Laios" wirft sie hier aber die Frage der Nachspielbarkeit auf. Bergmann stimmt ihr zu; bezeichnet es als wichtig, dass das Stück auch abseits der vom Autor selbst (mit eigenen Videoauftritten) eingerichteten Uraufführung nachgespielt werde. Franz Wille findet, Nachspielbarkeit sei nicht direkt gegeben, aber Richters Umgang mit dem Thema familiäre Traumata biete eine gute Vorlage für freiere Bearbeitungen. Vieira zeigt sich von dem "nahbaren, aufrichtigen" Text stark berührt. Sippenauer ist gegenüber dem Trend des autofiktionalen Schreibens mittlerweile skeptisch; mit dem großen Schweigen der Nachkriegsgeneration habe man sich außerdem im Kino der 60er-, 70er- und 80er-Jahren viel beschäftigt.

Felicia Zellers Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt ist ein Text, der Dirks offenbar sehr am Herzen liegt. Das Thema der systemischen Gewalt gegen Frauen werde schlau erzählt, das Miteinander der Betroffenen im Frauenhaus erzeuge ein "utopisches Aufschimmern einer Solidargemeinschaft". Bis auf Vieira stimmen ihr alle zu. Diese fand die Bürokratiesprache zu hölzern und hart für die Thematik. Über die Gewalt, die ihnen zugestoßen sei, hinaus würden die Charaktere keine Persönlichkeit entwickeln.

Auch an Rainald Goetz' Baracke übt Vieira Kritik. Die Täterperspektive "bekommt viel Sendezeit", diese Faszination sei ermüdend. Es gehe viel um Männer – wieder mal. Dirks zeigt sich davon irritiert, dass das Stück mit einer Liebesgeschichte beginnt, und plötzlich über den NSU-Komplex referiert. Dass Gewalt von der Familie ausgehe, sei eine Erklärungslogik, die sie nicht akzeptieren könne – Problem sei eher das Patriarchat. Wille erinnert leicht ironisch daran, dass das Patriarchat ganz entscheidend "mit Familie zu tun habe". Er habe "Baracke" nie als NSU-Stück gelesen, sondern als Zeitpanorama, das die Fatalität der Alltäglichkeit von Gewalt exponiert.

Da war es nur noch eins

Nach dieser ersten, betont wohlwollenden Diskussionsrunde geht es plötzlich sehr schnell. Die Juror*innen sträuben sich dagegen, Stücke aus der Finalrunde mit klaren Gegenargumenten auszuschließen. Negative Merkmale sollen nicht noch einmal verstärkt markiert werden. Goetz' "Baracke" und Köcks "forecast:ödipus" fallen flink weg, nach etwas Hin und Her auch Zellers "Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt".

El-Bira schickt die Jury im Anschluss direkt in ihre Favorit*innen-Plädoyers, und auch hier geht es ruckzuck. Bergmann, Sippenauer und Dirks entscheiden sich für Sivan Ben Yishais "Nora"; die Vielschichtigkeit und Radikalität des Textes sowie seine sprachliche Gestaltung hätten sie überzeugt. Vieira und Wille wählen Ewe Benbeneks "Juices". Die beiden Stücke würden ähnlich enden, aber Benbeneks Wutrede habe für ihn die größere Durchschlagskraft, so Wille.

Damit steht also fest: Nach 2022 gewinnt Sivan Ben Yishai zum zweiten Mal den Mülheimer Dramatikpreis. Der undotierte Publikumspreis geht an Schimmelpfennigs "Laios". So kommt die in diesem Jahrgang gut vertretene Antike auch zu ihren Lorbeeren.

Kommentare  
Preisjury-Debatte: Respektvoll und präzise
Herzlichen Glückwunsch an Sivan Ben Yishai! Die Debatte habe ich als respektvoll wahrgenommen und war vor allem von Amanda Babaei Vieiras präziser, intelligenter Argumentation beeindruckt.
Kommentar schreiben