"Das Gift sickert ein"

Als sein Vater starb, konnte Falk Richter nur noch über seine Familie schreiben. Im Interview spricht der Autor und Regisseur über das Aufwachsen im homophoben Patriarchat der Achtziger und über die Tücken der Erinnerung.

Interview von Falk Lörcher

Falk Richter © Birgit Kaulfuß

21. Mai 2024. Herr Richter, Sie sind bereits zum vierten Mal nach Mülheim eingeladen. Was bedeutet der Wettbewerb für Sie?

Eine große Ehre. Wenn man erfährt, dass man nach Mülheim eingeladen ist, dann ist das nochmal etwas ganz Besonderes, weil es um den Text geht. Das ist für mich als Autor ein tolles Gefühl. Man ist dann eben einer der sieben Besten.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen auf den Dramatikpreis ein?

Oh, da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin aber total glücklich in einer Gemeinschaft von Schreiber*innen zu sein, die ich alle sehr, sehr schätze. Zusammen mit Rainald Goetz, den ich sehr verehre. Und mit Sivan Ben Yishai und Thomas Köck, die ich beide als Menschen sehr mag und deren Texte ich großartig finde.

Welche Rolle spielt Ihre Biografie für Ihr Schreiben?

Meine Texte haben immer einen persönlichen Ansatz. Schon mein erstes Stück "Gott ist ein DJ" handelte letztlich von meiner damaligen Lebensrealität. Das habe ich 1998 geschrieben. Seither ging es eigentlich immer auch um eine Auseinandersetzung mit meinem Leben und meinen Erfahrungen. So persönlich wie bei "The Silence" war das aber noch nie. Das ist schon etwas Außergewöhnliches für mich. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich das Gefühl, dass ich gerade nur über meine Familie und mich schreiben konnte. Über all das Unausgesprochene. Ich wollte ein Stück über das Schweigen in Familien schreiben und darüber, wie man jemanden zum Schweigen bringt.

Autofiktionales Erzählen liegt irgendwo zwischen klassischer Autobiographie und Fiktion. Welchen Vorteil hat es für Sie, beides zu vereinen?

Bei "The Silence" setze ich mich auch damit auseinander, was Erinnerung eigentlich ist. Also: Wie authentisch ist Erinnerung? Wenn eine Gruppe etwas erlebt hat, erinnert sich jede Person anders daran. Gerade bei traumatischen Erfahrungen ist das so. Opfer und Täter erinnern anders, spalten Erinnerungen ab oder fügen ihren Erinnerungen fiktionale Anteile hinzu. Sich Erinnern ist also oftmals dem Prozess einer Fiktionalisierung ähnlich. Dem wollte ich Rechnung tragen.

Wie ist es für Sie, auf eine Bühne zu blicken und Dimitrij Schaad dabei zuzusehen, wie er eine fiktionale Version von Ihnen spielt?

Durch die Distanz, die das erzeugt, fiel es mir auf den Proben sehr viel leichter, diese sehr persönlichen Texte zu inszenieren. Dimitrij bringt neben einer großen Emotionalität vor allem auch sehr viel Humor mit und der tut dem Abend mit seinen oftmals ernsten Themen unglaublich gut. Vor allem aber schafft er eine fiktionale Version von mir. Es entsteht etwas Neues, das über die Realität hinaus geht. Der Abend spielt mit Biographie, er erhebt nicht den Anspruch, autobiographisch zu sein.

Mit vielen Ihrer Themen und Geschichten sprechen Sie für ganze Generationen – wenn es etwa um Faschismus, Familie oder auch Queerness geht. Andererseits könnte man auch sagen: Autofiktionalität, Autobiographie – das ist eigentlich nur Selbstdarstellung. Wie sehen Sie dieses Verhältnis?

Ich nehme meine eigene Geschichte, um über größere gesellschaftliche Themen zu sprechen. Mein Wunsch war es, eine Geschichte der Bundesrepublik mit zu verarbeiten. Über die Wirtschaftswunderväter und ihre Familien in den Vorstädten. Über das Aufwachsen während der AIDS-Krise der achtziger Jahre in einem homophoben Umfeld. Bestimmte Fragen haben mich dabei begleitet: Woher kommt denn eigentlich diese Homophobie? Woher kommt die Ansicht, man dürfte den (Ehe-)Frauen ein selbstbestimmtes Leben verweigern? Dahinter steht eine patriarchale Struktur mit dem Mann als zentrale handelnde Figur, die sagt: "Meine Position darf nicht gefährdet werden. Wenn ich einen schwulen Sohn habe, lachen die Nachbarn über mich. Dann denken die, ich habe den nicht richtig erzogen. Ich bin nicht Manns genug, ich habe was falsch gemacht. Wenn meine Frau arbeiten geht, dann denken die, ich kann nicht genügend Geld nach Hause bringen." Alles war vom patriarchalen Mann als Familienvater und Ehemann her gedacht. Und so war letztlich die gesamte Gesellschaft aufgebaut.

Auch heute leben wir in politisch turbulenten Zeiten. Rechtsruck, Krieg, Klimakatastrophe. Wo sehen Sie da die Rolle des Theaters?

Wir erleben im Moment ein Abschmelzen der Demokratie. Weltweit. Viele demokratische Parteien bedienen sich mittlerweile rechtspopulistischer Strategien. Das rechte Gift ist in die Gesellschaft und den politischen Diskurs eingesickert. Was die Klimakatastrophe angeht, so stecken wir auch hier mittendrin, die Folgen des Klimawandels sind für jeden sichtbar und spürbar. Und Positionen, die sich für diplomatische Verhandlungen und Waffenruhe einsetzen, stehen zur Zeit weitgehend unter Verdacht und werden diskreditiert. Ein unaufgeregter gesellschaftlicher Diskurs findet kaum mehr statt. Das Theater kann Orte schaffen, an denen Menschen sich zuhören und andere Perspektiven emotional nachvollziehen können, an dem Zuschauende empathisch auf die Geschichten und Verhaltensweisen anderer Menschen reagieren oder sogar eine Empathie für den Planeten und seine nichtmenschlichen Bewohner empfinden. Empathie und Verständnis und andere Perspektiven schaffen, auch utopische Räume jenseits der Realität und der tagesaktuellen Sachzwänge aufmachen … das kann Theater im besten Falle leisten.

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